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Interview mit Thomas Fedrizzi über Holzbau, CO₂-Zertifikate und die Zukunft des Holzbaus
Timber Finance (https://timberfinance.ch/) ist ein Schweizer Unternehmen, das sich auf nachhaltige Finanzlösungen im Holzbau spezialisiert hat. Es entwickelt CO₂-Zertifikate für Holzbauten, um die Klimaleistung von Holz finanziell nutzbar zu machen und Bauherren sowie Investoren Anreize für nachhaltiges Bauen zu bieten. Durch wissenschaftlich fundierte Methoden bewertet Timber Finance die CO₂-Speicherleistung und Substitutionseffekte von Holz im Vergleich zu Beton und Stahl. Das Unternehmen arbeitet mit Banken, Immobilienentwicklern und der Holzindustrie zusammen, um Holz als zukunftsfähigen Baustandard zu etablieren. Ziel ist es, den Holzbau wirtschaftlich attraktiver zu machen und den Wandel zu einer CO₂-neutralen Bauwirtschaft zu beschleunigen.
Thomas Fedrizzi: Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren mit nachhaltigen Finanzierungen und seit rund 10 Jahren mit der Holzindustrie. In den 1990er Jahren lag der Fokus in der Energie- und Klimadebatte auf dem operationellen CO₂, also den Emissionen aus dem Betrieb eines Gebäudes durch Heizung und Stromverbrauch. Heute wissen wir, dass vor allem bei Neubauten der eigentliche Hebel woanders liegt: In den Baumaterialien selber bzw. in den durch die Herstellung der Baumaterialien verursachten und daher darin «eingebetteten» CO₂-Emissionen (embodied carbon). Holz ist hier ein Gamechanger, weil es Kohlenstoff speichert und gleichzeitig Stahl und Beton ersetzt. Mit der Timber Finance Initiative wollen wir dieses Klimapotenzial finanziell nutzbar machen.
Thomas Fedrizzi: Ja und nein. Es ist ein Mythos, dass wir nicht genug Holz haben. Die Schweiz nutzt nur ca. die Hälfte ihres nachhaltigen Holzpotenzials von 10 Mio. m3 p.a., kann aber gleichzeitig nie und nimmer die zusätzlich rund 16 Mio. m3 des jährlich in der Schweiz verbauten Betons ersetzen. Auch haben wir nicht genug Verarbeitungskapazitäten, um sofort zu verdoppeln. Hier gilt es die Kompetenz in der Verarbeitung von Laubholz zu stärken: Während im Wald Laub- und Nadelholz im Verhältnis von 50:50 vorkommen, können in der verarbeitenden Industrie nur 4 von 100 Unternehmen Laubholz verarbeiten. Doch die Industrie stellt sich um: In fünf bis zehn Jahren können wir unsere Holzbaukapazität verdoppeln.
Thomas Fedrizzi: Absolut. Früher dachte man, Holz sei nur für Einfamilienhäuser oder Fassaden geeignet. Heute wissen wir: Holz kann alles, wenn es richtig eingesetzt wird. Die Schweiz ist weltweit führend im Ingenieurholzbau – mit Hochhäusern, Parkhäusern und sogar Holz-Kellern, schauen Sie sich mal www.timbase.com an. Letzteres ist vermutlich noch zu mutig für institutionelle Investoren und den Massenmarkt, aber möglich!
Thomas Fedrizzi: Die Aussage „Holz ist teurer“ ist oft eine Schutzbehauptung. Wenn man nur die Baukosten pro Quadratmeter betrachtet, mag es zutreffen. Aber Holz spart Kosten bei der Bauzeit (früher Mieterträge), den Fundamenten (weil Holz leichter ist) und hat langfristige Vorteile durch den Klimaschutz. Mit CO₂-Zertifikaten kann die Differenz zusätzlich kompensiert werden.
Thomas Fedrizzi: Wir bieten zwei Optionen. Einerseits die Monetarisierung der CO₂-Speicherleistung von Holz durch den Verkauf von Zertifikaten. Andererseits erlauben es unsere Zertifikate, dass Investoren Holzgebäude in ihre Klimabilanzen aufnehmen können. Ausserdem verhelfen wir der Relevanz von Holzbau zu mehr Sichtbarkeit, indem wir Investmentprodukte und Finanzierungslösungen, z.B. das Timber Finance Tracker Zertifikat, anbieten. Mehr zu unseren Produkten finden Sie hier: https://timberfinance.ch/
Um etwas im wirtschaftlichen Umfeld in Wert zu setzen, braucht es nebst einer Nachfrage oder regulatorischen Verpflichtung eine Währung und ein handel- und investierbares Produkt. Für die Monetarisierung der Klimaleistung des Holzbaues bedeutet das ein handelbares Zertifikat mit der anerkannten und messbaren Währung CO2. Die EU hat grünes Licht für ein EU-weites Zertifizierungssystem gegeben, das Carbon Removal Certification Framework (CRCF). Das ist ein regulatorischer Rahmen zur Zertifizierung von CO₂-Entnahmen, der sicherstellen soll, dass Kohlenstoff langfristig aus der Atmosphäre entfernt und gespeichert wird. Dort wird der Gebäudesektor ebenfalls integriert. Für den Holzbau gibt es derzeit noch kein qualitativ, weltweit anerkanntes Zertifikat, das wollen wir mit Timber Finance ändern. So liesse sich Holzbau als CO₂-Speicher etablieren, wie das die EU plant: Mit dem ETS2 ist ein neues Emissionshandelssystem der EU geplant, das ab 2027 CO₂-Emissionen aus Gebäuden, Strassenverkehr und kleineren Industrien reguliert.
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